Spuren in die Zukunft

Kolumne: Von Christiane Biedermann, Leiterin Presse und Kommunikation, Aktive Bürgerschaft e.V. Kompetenzzentrum für Bürgerengagement der genossenschaftlichen FinanzGruppe Volksbanken Raiffeisenbanken

Mehr als zwanzig Jahre nach dem Mauerfall steht das Bürgerengagement in Ostdeutschland in einer eigenen Tradition und weist Besonderheiten auf. Und es hat sich unübersehbar positiv entwickelt. Die Hilfe zur Selbsthilfe - Grundgedanke der Genossenschaften und von den Vereinten Nationen mit dem Internationalen Jahr der Genossenschaften 2012 in bemerkenswerter Weise gewürdigt - trägt dazu bei. Besonders in Mitteldeutschland sind herausragende Projekte und Initiativen entstanden. Ein Beispiel sind die Bürgerstiftungen. Als Modell für zeitgemäße bürgerschaftliche Selbstorganisation stärken Bürgerstiftungen bürgerschaftliches Engagement aus eigener Kraft, durch private Initiative, Selbstverwaltung und Mitverantwortung. Ihr Credo: "Gemeinsam mehr erreichen".

Privatpersonen, Unternehmen, Vereine und Banken bauen das Stiftungsvermögen durch viele, auch kleinere Beträge langfristig auf: durch Spenden, Zustiftungen oder eine eigene Stiftung. Vier von fünf Bürgerstiftungen bundesweit werden allein von ihrer lokalen Genossenschaftsbank unterstützt. Das einmal angelegte Vermögen bleibt in der Region und kommt gemeinnützigen Anliegen dauerhaft zugute. Bürgerstiftungen bieten darüber hinaus Menschen mit Zeit und Ideen ideale Möglichkeiten, sich ehrenamtlich vor Ort zu engagieren, zum Beispiel in den Gremien und bei Projekten.

Seit vor 15 Jahren die ersten Bürgerstiftungen in Deutschland gegründet wurden, haben sie sich zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Von Halle (Saale) bis zum Landkreis Saale-Rudolstadt, vom Altenburger Land bis in die Region Unstrut-Hainich - in Mitteldeutschland gibt es mittlerweile über ein Dutzend Bürgerstiftungen. Und ihre Entwicklung ist positiv: Die Zahl der Bürgerstiftungen in Ostdeutschland hat sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt. Das wird im "Länderspiegel Bürgerstiftungen" der Aktiven Bürgerschaft dokumentiert.

Ein Beispiel gibt die Bürgerstiftung Weimar. Zwei Frauen, die eine aus dem Osten, die andere aus dem Westen, hatten eine gemeinsame Vision. Bürger schauen nicht mehr zu, wie Kulturstätten und Kindereinrichtungen geschlossen werden. Sie nahmen vor neun Jahren die Dinge selbst in die Hand. Ihr anspruchsvolles und zugleich selbstbewusstes Anliegen: "Spuren in die Zukunft legen". Die Bürgerstiftung Weimar setzt sich heute unter anderem für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ein. So leben in den Plattenbausiedlungen viele ältere Menschen mittlerweile allein und einsam. Während es in der Stadt auch die Jüngeren gibt, die helfen wollen.

Die Bürgerstiftung hat das Projekt "Weimars Gute Nachbarn" gestartet, das Jung und Alt zusammenbringen will. Dabei wird sie unter anderem von der Gemeinnützien Wohnungsgenossenschaft Weimar unterstützt, deren Sozialarbeiter die Lebenssituationen der älteren Mieter bestens kennen. Die Ehrenamtlichen erledigen für die Senioren Einkäufe, begleiten sie zu Arztbesuchen, bei Spaziergängen, ins Theater oder besuchen sie und hören einfach nur zu. Erste ehrenamtliche Nachbarschaftshelfer hat die Bürgerstifung schon gewonnen, erste Partnerschaften zwischen Senioren und Jüngeren sind bereits entstanden.

(...) Bürgerstiftungen bieten jedem die Chance, sich sofort und dauerhaft dort für das Gemeinwohl zu engagieren, wo man seinen Lebensmittelpunkt hat. Wohlgemerkt: Nicht allein, sondern mit anderen. Eben gemeinsam mehr erreichen!

WIR 3/2012 - Genossenschaftsblatt aus Mitteldeutschland