Katrin Katzung ist Thüringens beste Unternehmerin 2013

Erfurt. Die Bauingenieurin aus Weimar wurde am Donnerstag beim Unternehmerinnentag Mitteldeutschland in der thüringischen Landeshauptstadt mit dem Emily-Roebling-Preis ausgezeichnet.

Katrin Katzung aus Weimar hat gestern Abend in Erfurt den Emily-Roebling-Preis bekommen. Er würdigt ihre Kompetenz als Unternehmerin und ist Foto: Marco Kneise

Der Weg zum Büro Katzung führt in Weimar in die Wilhelm-Bode-Straße 29, in das Elternhaus von Katrin Katzung. Sie wohnt gleich gegenüber. Hier hat sie vor einigen Wochen über ihre Bewerbung für den Emily-Roebling-Preis nachgedacht, zwangsweise. Der Auftritt vor der Jury stand an. Katrin Katzung dachte: In zwei Minuten ist eigentlich alles gesagt. Sie sollte zehn Minuten sprechen und dachte also nach über ihren Weg und den Anfang.

Schon immer wollte sie Ärztin werden. Das blieb so bis zur 8. Klasse, als es darum ging, in die Erweiterte Oberschule zu kommen, um das Abitur zu machen. Katrin Katzung war die Beste in ihrer Weimarer Klasse. Sie bewarb sich und gab als Studienwunsch Medizin an. Sie wurde abgelehnt mit einem Satz, den sie nie vergessen hat: "Im Krieg brauchen wir keine Ärzte, da brauchen wir Lehrer und Offiziere." Der taktisch neu formulierte Berufswunsch nützte dann auch nichts mehr. Ihr Vater beschwerte sich beim Stadtschulrat. Der sagte: " In Weimar kann ich nichts mehr tun."

An der Ernst-Abbe-Schule in Eisenach fand sich noch ein Platz. Katrin Katzung zog ab Klasse 9 ins Internat, lernte nun Latein und Altgriechisch und hatte nicht mehr nur Einsen. Mit dem Medizin-Studium würde es schwer. Sie beharrte darauf. Vaters Idee " Dann wirst Du eben Krankenschwester" schlug sie in den Wind. Das wollte sie nicht. Sie überlegte neu, bedachte, dass der Vater als Ingenieur gut auskommt. Sie begann an der Hochschule für Architektur und Bauwesen - der heutigen Bauhaus-Universität - ein Ingenieurstudium. Und das guten Mutes.

Gleich im ersten Semester ging sie Silvester mit einer Freundin weg. Zwei Studentinnen fanden natürlich zwei Studenten. Gleich im neuen Jahr wurde Katrin Katzung ins Kino abgeholt. Die nächste Verabredung sagte sie dann ab. Sie war sich nicht sicher, ob sie das so wollte. Ihr Vater fragte noch nach dem netten Mann, der ins Kino gebeten hatte. Sie wehrte ab. Los kam sie nicht. Still und leise schaute sie nach seinem Vornamen - sie hatte nur den Vornamen und die Studienrichtung - in der Uni. Als sie wusste, was sie brauchte, schrieb sie einen Brief und steckte den in den Postkasten.

Genau an dem Tag fuhr sie im Wohnheim Jakob, in dem sie als Weimarerin nicht wohnte, mit dem Fahrstuhl. Und wer stieg ein? Der Mann von Silvester. Und was tat er? Er fragte: "Was machst Du denn hier. Du hast wohl kein Zuhause mehr?" Das war Schicksal. Es brachte ihr den Namen Katzung. Bald wurde ihr Sohn geboren. Sie setzte ein Jahr mit dem Studium aus. Deshalb hatte sie ihren Abschluss erst, als die DDR und mit ihr die Absolventenvermittlung Geschichte war. Ihr Mann hatte eben seine Promotion abgeschlossen. Sie wollten vorankommen. Was sollten sie tun? Bewerbungen an Firmen und Institute schicken? Aus Weimar, wo sie sich wohlfühlten, weg gehen?

Sie folgten einem gut gemeinten Rat. Sie gründeten als gleichberechtigte Partner das Baubüro Katzung für die Beratung, Konzeption, Leitung vor allem von Tiefbauprojekten für die Wasserversorgung, die Abwasserentsorgung und die Erschließung von Bauflächen. Sie hatten keine Kundenliste, keine Angestellten. Sie lasen Ausschreibungen und schrieben Angebote. Und sind mit jedem Projekt, für das sie nicht den Zuschlag bekamen, fast mit gestorben. Der Start der Projekte, in denen sie arbeiteten, war einige Male wie ein Fest. Tatsächlich war es der Sprung ins kalte Wasser. Katrin Katzung merkte, dass sie sehr gut mit Männern arbeiten kann. Immerhin.

Das hat sich entwickelt. Sie hat sich entwickelt. Mehr als einmal bereits wurde ihr gesagt, dass nötige Beratungen unter ihrer Leitung erfreulich straff ablaufen. Sie bleibt, ohne jemanden zu ärgern, gekonnt beim roten Faden. Sie kann, was man bei ihrer freundlich-beherrschten Ausstrahlung kaum glauben möchte, aber auch an einer Baustelle stehen und "Scheiße" rufen.

Im Jahr 2013 listet das Ingenieurbüro - es hat neun Mitarbeiter und eine Niederlassung im Altenburger Land - auf der Internetseite www.katzung.de Projekte mit Bausummen zwischen 50.000 und mehr als einer Million Euro aus den letzten Jahren auf. 30 bis 40 Projekte sind es im Jahr. "Das Büro arbeitet wie ein Uhrwerk," sagt Katrin Katzung. Sie ist mittendrin und hält den Überblick. Ihr Mann sagt: "Sie kann Wichtiges von Unwichtigem schnell und präzise trennen." Es ist also doch einiges geschehen in ihrem Leben und ihr durch den Kopf geeilt.

Und das alles nur, weil sie sich um den Emily-Roebling-Preis beworben hat. Wenn sie alles erzählt, überschreitet sie die Redezeit und langweilt die Jury. Was ist wichtig, wenn sie über sich spricht? Sie wird den Sohn um Korrektur bitten. Er ist 26, er studiert, um Wirtschaftsingenieur zu werden. Warum hat sie sich eigentlich beworben? Sie wurde angesprochen, sie solle ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen. Da hat sie es getan. Dabei, ihr Tag beginnt wie bei vielen anderen Menschen auch.

Um 7.30 Uhr sitzt die 47-Jährige im Büro. Aufgestanden ist sie oft um 4.50 Uhr für den Morgenlauf, der so gut tut, wenn ringsum noch Ruhe herrscht. Sie hat ausgiebig gefrühstückt und dabei die Zeitung gelesen.

"Ich suche in allem das Gute. Fast immer finde ich etwas und wenn es nur ein Hauch ist." Katrin Katzung

Meist klingelt bald das Telefon. Manchmal geht das bis zum Mittag so. Oder sie hat einen Termin mit Auftraggebern wegen eines Projekts oder Beratung direkt auf einer Baustelle. Dafür hat sie im Auto griffbereit Wetterjacke, Signalweste, Stiefel und natürlich einen Zollstock. Katrin Katzung hat über ihre Ausstrahlung nachgedacht und daran gearbeitet. Als Kind war sie eine Schülerin, die wieder nach Hause ging, wenn sie sich verspätet hatte. Das kam selten genug vor. Aber der Auftritt war ihr ein Grauen.

Das ist lange her und doch nicht vergessen. Der Auftritt ist längst selbstverständlich - und wirkungsvoll, weil da nichts aufgesetzt ist. Katrin Katzung kann zuhören. Sie hat sich da nichts antrainiert. Sie wirkt, wie sie ist. Mit diesem Wissen hilft sie im Projekt Frauensache einer Jüngeren, die noch Probleme damit hat, sichtbar zu werden als jemand, der etwas kann. Aber das genügt Katrin Katzung nicht. Sie sagt: "Manche müssen nach einem anstrengenden Tag auf die Couch, ich muss unter Menschen. Und dabei mache ich gern noch etwas Nützliches, das nichts mit Geldverdienen zu tun hat."

So kam sie in den Vorstand vom Freundeskreis des Goethe-Nationalmuseums und verwaltete als Schatzmeisterin zehn Jahre lang ehrenamtlich das Geld. Seit dem Ausscheiden ist sie Ehrenmitglied, hatte aber keine Zeit, sich darauf auszuruhen. Sie wollte näher zu Menschen, die sie brauchen. Als die Weimarer Bürgerstiftung auf einem Forum jemanden für den Vorstand suchte, saß Katrin Katzung mit ihrem Mann im Publikum. Sie fragte ihn: Hast Du was dagegen, wenn ich mitmache?"

Hatte er nicht. Seit Ende 2010 ist sie stellvertretende Vorsitzende und betreut die Ehrenamtsagentur. Deren Arbeit erledigen zwei Angestellte. Aber Katrin Katzung wirbt um Stifter und also um Geld, oder organisiert etwa eine Tombola beim Schlossball Ettersburg getreu Goethes Spruch, wonach alles Gute, das geschieht, nicht einzeln wirkt. Außerdem hat sie einfach zu viele Ideen, die sie mit anderen teilt und weiter führt, wie eine Ferienfreizeit ist für Kinder, die mit ihren Eltern nicht in den Urlaub können oder die Partnerschaft, in der Rentner für Rentner da sind.

Sie weiß von Menschen, die im Leben gestrauchelt sind, sich verkrochen haben und sich doch ein Herz fassen und bei der Ehrenamtsagentur fragen, ob sie gebraucht würden. Wenn da etwas gelingt, hat Katrin Katzung einen guten Tag. Ob es bei ihr auch schlechte Tage gibt? Eigentlich fast nie, sagt sie. "Ich suche in allem das Gute, fast immer finde ich etwas und wenn es nur ein Hauch ist." Hat sie wenigstens eine Schwäche, die sie zugeben könnte. Hat sie, Gott sei Dank. Im Haus und um das Haus duldet sie eine kreative Unordnung, was ihre Mutter mitunter wurmt.

Und sie arbeitet auch bei dringenden Projekten nicht länger als zehn Stunden am Tag, denn dann wird es uneffektiv. Außerdem kann sie schlecht am Strand liegen. Sie braucht im Urlaub Bewegung, gern auch eine richtige Großstadt. Eine Kurzreise von einer Woche genügt. Sie sagt: "Ich habe nicht das Gefühl, mich erholen zu müssen." Sie kann genießen, dass der Name Katzung eine Marke in Thüringen geworden ist. Das braucht kein Geschrei. Sie genießt genau so die tägliche Mittagspause, während der sie mit ihrem Mann isst und klassische Musik hört. Wenn sie an einem Abend mal keinen Termin hat, ein Buch ausgelesen und sie allein ist - dann macht sie ein Zeitchen lang Kraftsport. Was sonst.

Der Emily-Roebling-Preis

Durch den Emily-Roebling-Preis sollen unternehmerische Leistungen von Frauen öffentliche, ideelle und finanzielle Anerkennung finden. Geehrt wird auch das außergewöhnliche soziale Engagement. Der Preis ist nach Emily Warren Roebling (1843 - 1903) benannt. Sie war die Ehefrau von Washington August Roebling. Dessen Vater Johann August Roebling wurde 1806 in Mühlhausen geboren und wanderte 1831 nach Amerika aus. Dort plante er ab 1865 die Brooklyn Bridge. Bei Vermessungsarbeiten hatte er einen Unfall und verstarb 1869 an einer  Tetanusinfektion. Sein Sohn, Washington August Roebling, setzte die Arbeit fort, erkrankte aber drei Jahre später und war teilweise gelähmt. Dessen Frau Emily Warren Roebling übernahm die Bauleitung und vollendete das Werk. Am 24. Mai 1883 überquerte sie als erster Mensch die  damals längste Hängebrücke der Welt.

Ute Rang / 26.04.13 / tag