Ideen für die Spenden-Akquise

Das Jahresende ist für die meisten Stiftungen traditionell Hochphase des Fundraisings

Klassiker sind Benefiz- Veranstaltungen oder direkte Ansprache per Post. Doch das Spektrum ist breiter geworden.

An den kommenden Tagen können die Akteure vieler Stiftungen verschnaufen: Mit dem vierten Quartal und speziell der Vorweihnachtszeit ist die Hochphase des Fundraisings vorbei. Gemeint ist die Mittelakquise, und das bedeutet für Stiftungen das Einwerben von Spenden und Zustiftungen. Erstere müssen die Stiftungen innerhalb von zwei Kalenderjahren ausgeben oder in einer Rücklage für ein bestimmtes Projekt bis zu dessen Abschluss parken. Die Zustiftungen wiederum fließen dauerhaft ins Vermögen. "Viele Stiftungen sammeln durchschnittlich 30 bis 50 Prozent ihrer Fundraising-Gelder im vierten Quartal ein. Dabei überwiegen die Spenden", sagt Hans Fleisch, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Gerade in der Vorweihnachtszeit wecken mildtätige Zwecke das soziale Gewissen möglicher Spender. Da sehr viele Organisationen im November und Dezember ihre PR verstärken, ist es Fleisch zufolge wichtig, auch zu anderen Jahreszeiten Geld einzuwerben. Klassische Sammelmethoden sind Benefiz-Veranstaltungen und Marketingbriefe. Doch das ist nicht alles. "Früher ging es beim Fundraising vor allem um den typischen Bettelbrief. Heute arbeiten Stiftungen auch mit anderen Möglichkeiten, sie nutzen intelligente Lösungen wie etwa Merchandising und Kooperationen in Form von Produkten mit einem Spendenanteil", sagt Fleisch.

 

Die Stiftung Menschen für Menschen in München beispielsweise kooperiert mit der Deutschen Bahn. Im Rahmen der von Januar 2010 bis zum Januar 2011 laufenden Aktion "TV-Köche tischen auf" bereitet jeden Monat ein anderer Fernsehkoch drei verschiedene Gerichte für die Speisewagen der Bahn zu. 50 Cent jeder verkauften Mahlzeit gehen an die Stiftung des Schauspielers Karlheinz Böhm, die davon eine weiterführende Schule im Süden Äthiopiens bauen will. Am 6. Dezember hat die Bahn der Stiftung vorzeitig den Spendenscheck für die Kooperation in Höhe von 250 000 Euro übergeben. Anne Dreyer, Sprecherin der Stiftung: "Für unser Fundraising spielt das Weihnachtsfest eine wichtige Rolle. In dieser Zeit denken die Menschen stärker daran, was sie anderen geben können und wie viel Geld sie im laufenden Jahr noch übrig haben." Ihre Stiftung sammelt etwa ein Drittel der jährlichen Spenden von durchschnittlich 15 Millionen Euro im vierten Quartal ein. Zustiftungen haben eine untergeordnete Bedeutung für die Stiftung, denn vor allem Großspender wollen in der Regel sehen, in welches Projekt ihr Geld fließt. Eine weitere Kooperation besteht seit fast drei Jahren mit Dallmayr. Der Münchner Kaffeeröster spendet von jeder verkauften Packung einer rein äthiopischen Kaffeesorte einen Anteil an das Agrarökologie-Projekt der Stiftung, der fünf Baumsetzlingen entspricht. "Seit Beginn der Kooperation hat Dallmayr zehn Millionen Setzlinge gespendet", sagt Anne Dreyer. Das Projekt hat den Zweck, die traditionellen Anbaumethoden zu verbessern und den Baumbestand Äthiopiens zu vergrößern, denn nur drei Prozent der Landesfläche sind bewaldet, was zur Verödung der Böden führt.

 

Während die Stiftung Menschen für Menschen bei der Mittelakquise unter anderem auf Kooperationen setzt, hat die Bürgerstiftung Weimar ein selbst entwickeltes Merchandising-Produkt offeriert. Im Schillerjahr 2005 anlässlich des 200. Todestages Friedrich von Schillers brachte sie ein buchförmiges Paket mit eigens hergestellten Bionudeln auf den Markt, genannt Schiller-Locken. Es enthielt überdies Rezepte, Tischkarten und Informationen über die Bürgerstiftung.

 

Verkauft wurden annähernd 5000 Exemplare. Zwar hat die Stiftung bei diesem Projekt nur kostendeckend gearbeitet. Gewonnen hat sie dennoch. Vorstandsvorsitzende Doris Elfert: "Die Öffentlichkeitsarbeit war unbezahlbar, die Schiller-Locken haben uns bundesweit in die Medien gebracht, was unsere Arbeit in der Folge sehr unterstützt hat." Die 2004 gegründete Bürgerstiftung Weimar akquiriert im vierten Quartal etwa zwei Drittel ihrer jährlichen Fundraising-Gelder. "Die Weihnachtszeit ist für unser Fundraising wichtig, wir verschicken Anfang bis Mitte November unseren einzigen Spendenbrief. Im Vergleich zu den großen Organisationen ist das relativ spät", sagt Doris Elfert. Doch wer vorweihnachtliche Spenden auf regionaler Ebene sammele, müsse nicht Mitte Oktober beginnen, das wirke unpassend.

Anzeige

 

Anders ist die Situation der 2009 gegründeten Stiftung Paretz im gleichnamigen Ort im Brandenburgischen, die eine ehemalige Gutsscheune und ein Gehöft besitzt. Sie lässt beide denkmalgerecht sanieren und will sie für soziale und kulturelle Aktivitäten zur Verfügung stellen. Programmdirektorin Elisabeth Fleisch: "Der Fundraising-Termin Weihnachten hat für die Stiftung Paretz im Bereich Denkmalschutz und Kulturveranstaltungen bisher keine Bedeutung." Allerdings hat ihre Stiftung zusammen mit lokalen Schulen ein Schülerunternehmen gegründet, und es sei möglich, dass die Schüler künftig im vierten Quartal stärker an potenzielle Wohltäter appellierten. Derzeit wirbt die Stiftung Paretz vor Veranstaltungen bei Unternehmen und anderen Institutionen um Spenden. Die Stiftung nutzt ein weiteres Instrument, das Bundesverbands-Generalsekretär Fleisch ebenfalls zum Fundraising zählt: öffentliche Fördermittel. So haben das Land Brandenburg und die Europäische Union den denkmalgerechten Umbau der beiden Gebäude mit rund 1,4 Millionen Euro gefördert. Zudem hat die Stiftung Geld für Investitionen in die Kultur- und Tourismusförderung des Landkreises Havelland beantragt. Und das mit Erfolg: Sie bekam etwa 10 000 Euro, von denen sie unter anderem die Zuschauerstühle für die Scheune kaufte. Die Anträge werden umso komplizierter, je höher die Fördersumme ist. "Man muss das Projekt ausführlich mit einem Konzept begründen, jedes Gewerk ausschreiben und nachweisen, dass man von mindestens drei abgegebenen Angeboten das günstigste gewählt hat. Wir mussten außerdem unsere Gemeinnützigkeit nachweisen und die Tatsache, dass wir Arbeitsplätze schaffen", sagt Programmdirektorin Fleisch.

 

Auch die Bürgerstiftung Weimar nutzt öffentliche Gelder. So finanziert die Stadt Weimar eine Personalstelle ihrer Ehrenamtsagentur zu einem Drittel, ein weiteres Drittel zahlt die Thüringer Ehrenamtsstiftung und den Rest die Bürgerstiftung. Die Stiftung Menschen für Menschen zapft ebenfalls Fördertöpfe an. Bei ihr machen Gelder der EU und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit aber nur einen kleinen Teil des Fundraising-Aufkommens aus. Künftig würden mehr Stiftungen öffentliche Gelder beantragen, ist Hans Fleisch überzeugt: "Man muss professionell arbeiten, um die Anträge zu bewältigen, und ich beobachte eine Qualifizierung des Stiftungswesens."