Grünen-Chef Cem Özdemir informiert sich in Weimar über Flüchtlingsprojekte

Cem Özdemir ist derzeit viel unterwegs. Als Muslim beobachtet der Grünen-Chef die aktuelle politische Situation in Deutschland und der Welt genau. Am Dienstag war er zu Gast bei Flüchtlingen in Weimar. Wir haben uns neben ihn auf die Parkdecke gesetzt.

Astrid Rothe-Beinlich von den Grünen in Thüringen, der Grünen-Bundesvorsitzende Cem Özdemir und Margret Aurin, Projektleiterin von "Arrive - Ankommenspatenschaften". Foto: Jan-Henrik Wiebe

von Jan-Henrik Wiebe (Thüringen24.de)

Rund ein Dutzend Flüchtlinge ist gekommen, oft sind es jedoch noch viel mehr. Es ist ein besonderer Tag für die meist aus Syrien geflohenen Menschen. Prominenz hat sich angekündigt. Auf seiner Sommertour macht Grünen-Chef Cem Özdemir einen Zwischenstopp in Weimar. Zuvor besuchte er ein Mercedes-Werk in Hamburg und ein Landschaftsschutzgebiet bei Lingen in Niedersachsen. Özdemir ist derzeit ein viel gefragter Mann. Der Putsch in der Türkei, seine Kritik an Präsident Erdogan und natürlich der Amoklauf eines afghanischen Flüchtlings in einem Zug bei Würzburg.

Als Grünen-Politiker könnte ihm derzeit ein steifer Wind entgegen wehen. Immerhin trägt er auch die Willkommenspolitik seiner Partei mit. Ein "Gutmensch" würden Pegida-Anhänger zu ihm sagen. "Vaterlandsverräter" nennen ihn hingegen diejenigen, die auch von Pegida gehasst werden: die Anhänger Erdogans. Türkische Nationalisten und Islamisten hassen derzeit keinen anderen deutschen Politiker mit Migrationshintergrund mehr als Özdemir. Kein Wunder also, dass er so viele Sicherheitsleute in Zivil dabei hat wie sonst ein Ministerpräsident. Dass ein Parteichef einer kleinen Oppositionspartei einen derart starken Schutz braucht, ist außergewöhnlich.

Orientierungshilfe für Neuankömmlinge in Weimar

Nun sitzt er im Kreis mit Einheimischen und Geflüchteten im Weimarhallenpark auf einer Decke und hört Marget Aurin zu, die das Projekt "Arrive - Ankommenspatenschaften" der Bürgerstiftung Weimar betreut. Weiße Lampions hängen an der grünen Hainbuche. Aurin erklärt das Projekt, das den Neuankömmlingen in Weimar eine Orientierungshilfe bieten soll. Beim ersten Treffen solle die Stadt mit wichtigen Orten wie etwa Behörden gezeigt und sich kennengelernt werden. Beim zweiten und dritten Treffen könne dann etwa bei der Suche nach Sportangeboten geholfen werden. Özdemir hört aufmerksam zu. Dann ist es Zeit, dass sich neue Buddy-Teams aus Einheimischen und Flüchtlingen bilden.

Das geht schnell. Ein kurzer Blickkontakt und schon sind alle verteilt. Gesprochen wird ein Mix aus Englisch und Deutsch. Der Grünen-Chef guckt aufmerksam zu, wie die Paare sich gegenseitig Wörter beibringen. Währenddessen erklärt ihm Doris Elfert von der Bürgerstiftung das Konzept ihrer Stiftung und ein weiteres Projekt mit Flüchtlingen, bei dem allerdings nur Frauen eingebunden sind. Bei "Teatime & Herz" sollen die geflüchteten Frauen nicht nur einheimische Frauen kennenlernen, sondern auch ihre Rechte in Deutschland und was in Deutschland anders ist als in ihrer Herkunftskultur. Für beide Projekte, sagt Elfert, werden immer neue interessierte Einheimische und Flüchtlinge gesucht, die sich jederzeit bei der Bürgerstiftung Weimar melden können.

Sogar die New York Times will Özdemir in Weimar sehen

Das Interesse der Medien an dem Grünen-Politiker ist groß. Vom MDR über RTL/N-TV bis zum ZDF sind alle großen TV-Sender anwesend. Sogar ein Reporter und ein Fotograf der altehrwürdigen New York Times sind vor Ort.

Der Sitzkreis findet sich wieder ein und die Paten erzählen, was sie für Wörter gelernt haben. Irgendwann soll auch Özdemir etwas über sich erzählen. Da bekommen die Flüchtlinge große Augen. "Ich bin zu den Grünen wegen der Umwelt gegangen", erklärt der Parteichef. Stolz fügt Özdemir hinzu, dass er der erste muslimische Parteivorsitzende in Deutschland sei. Seine Frau – eine Katholikin aus Argentinien – und er sagen ihren Kindern immer: "Jesus und Mohammed sind gute Freunde", berichtet Özdemir. "Die sind nicht Schuld, dass Bomben geworfen werden, sondern wir", schiebt er hinterher.